MONO & NIKITAMAN im ZAKK

von Andrej Schenk

Ein absolut unobjektives Konzert-Review.

Mono und Nikitaman sind ein prima Beispiel dafür, dass wenn Berlin schon nichts produziert, dann bietet es immerhin einen Sammelpunkt für ausgefallene Künstler und Jutesack-Träger, die einen in der U-Bahn grundlos anschreien. Manchmal sind es sogar dieselben Menschen. Aber wo sonst hätten sich das Düsseldorfer Hausbesetzerkind Nick „Nikitaman“ Tilstra und die Linzer Kunststudentin Monika „Mono“ Jaksch niederlassen können, um ihren Hippie-Dancehall mit HipHop-, Reggae- und PopPunk-Einflüssen, sowie obligatorisch-sozialkritischen Lyrics in die Welt zu tragen? 

Aber Schluss mit rhetorischen Background-Fragen. Kommen wir zum Konzert.

Das ZAKK ist rappelvoll. Dabei ist bis zum eigentlichen Auftritt noch eine gute Stunde hin. Die Vorband besteht aus Simon Grohe, einem freundlichen Deutschrapper, der sich ordentlich ins Zeug legt um die Crowd einzuheizen. Auch wenn er den meisten Besuchern unbekannt ist, arbeitet Grohe gewissenhaft sein Programm ab – immerhin muss für sein im März kommendes Album „Alles“ ordentlich die Promotrommel gerührt werden. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass M&N mit ihm auf Tour gehen: schon bei der „Im Rauch der Bengalen“-Tour war der Kölner dabei. Und da – nach seinen Eigenangaben – er, seine Frau und sein Rechner noch in den Tourbus gepasst haben, ist er auch dieses Jahr mit von der Partie.

Aber die Leute sind ganz klar für den Main Act da. Das Durchschnittsalter liegt zwischen 18 und 40. Sogar ein paar Kinder tummeln sich zwischen ihren Eltern. Die Nähe zur Kiefernstraße spielt wahrscheinlich mit - immerhin entstammt Nikitaman ebendieser Hausbesetzer-Szene, welche seit jeher in der „Kief“ ihren Düsseldorfer Hauptstützpunkt hat.

 

Es geht los und ich bin von Anfang an positiv überrascht von der Energie, welche die beiden Wahl-Berliner auf der Bühne aufbringen. Denn live sind die beiden klasse. Und es wäre ein Fehler deren Musik über Plattenaufnahmen oder YouTube-Videos kennenzulernen. Denn da klingen sie nach deutscher 08/15-Sozialkritik-Mukke. Ein bisschen wie "Rosenstolz" – nur in modern und talentiert. Und die geballte Power der Beiden, welche beim Live-Auftritt projiziert wird, kommt aufgezeichnet überhaupt nicht zur Geltung. Dabei sind M&N lang genug dabei um bereits abgewetzten Merchandise auf dem Rücken der Fans zu haben. 

Die Beats vermischen reggaelastig-gechilltes, dancehall-funkyges und rockig-rasantes. Die sozi-kritischen Texte und der Aufruf "der ganzen AfD auf die Fresse zu hauen" finden beim ZAKK-Publikum erwartungsgemäß Anklang. Und das Duo hat ein extremes gutes Gefühl für die Tracklist. So lässt „Kein Weed“ zunächst einmal die Lunten zünden und der süße Ganja-Duft enthemmt das Publikum. Um mich herum kreisen etliche Tüten und wer bin ich schon, um ein freundliches Angebot auszuschlagen. Kurz darauf merke ich, dass meine experimentierfreudige Uni-Phase doch schon etwas weiter zurückliegt, meine Toleranzschwelle deutlich gesunken ist und Objektivität bei Reviews generell schwer überschätzt wird.

 

Während die Joints noch qualmen, nutzt das punkige „Hitler muss immer wieder sterben“ die Empathie des dichten Publikums aus, um einen flüssigen Übergang zur Pogo-Action zu schaffen. Dabei spielt Nikitaman bei der Arbeit mit dem Publikum komplett seinen Heimvorteil aus. In dem Highlight-Moment des Abends steigt er von der Bühne in die Menge hinein, fühlt die Energie der Crowd und zettelt einen Kiffer-Moshpit an, der gleichzeitig kraftvoll und entspannt-vereinigend wirkt. Zumindest lässt der Rauch in der Lunge einen das glauben. Erwartungsgemäß endet es mit dem Skandieren von „Nazis raus!“-Parolen, welche jedoch glücklicherweise vom Publikum selbst angezettelt werden und nicht erzwungen von der Bühne hergetragen kommen. Nachdem das Publikum sich selbst zum Sieg über den Rechtsextremismus beglückwünscht hat, kann es beruhigt beim Dance-Together-Song „Ein bisschen Sommer“ weiter chillen.

Und immer geben die Beiden auf der Bühne zusammen mit der Band hundert Prozent. Jeder Track ist eine Einzelperformance für sich. Die Crowd ist willenlos und völlig dem Duo ausgeliefert: wenn Mono springt, springt das Publikum. Wenn Nikitaman sich hinsetzt, tut es auch der Rest. In ihrer unbändigen Energie wirkt Mono wie eine freundlichere Hippie-Version der berüchtigten Yolandi Visser von „Die Antwoord“. Aber vielleicht sind es auch nur die wasserstoffblonden Haare und meine temporär gesteigerte Assoziationsfähigkeit. Mittlerweile stinkt der Laden förmlich nach Gras. Die Lüftung ist auf volle Leistung aufgedreht, aber das hilft auch nicht weiter. Also nach draußen zum Luftholen.

 

Im Innenhof hängt das übliche sozialkritische Publikum ab, welches zwei Indern den Einfluss des US-Imperialismus auf das indische Kastensystem erklären will. Die Inder nicken freundlich, machen aber nicht den Eindruck der Diskussion folgen zu können und ich verziehe mich wieder ins Getümmel. 

 

 Der Final Act des Konzerts bahnt sich an. „Die Zeit steht still“ und die Band gibt noch mal alles. „Blut ist immer rot“ bringt genau den richtigen Mix aus HipHop, Reggae und Punk aber ich werde das Gefühl nicht los, dass der lyrisch-softe Links-Protest von M&N irgendwie vor sich hin dümpelt, indem er zwar massenwirksam klingt, aber grad mal so unter der Messlatte der Radiotauglichkeit segelt um nicht zum offiziellen Mainstream zu verkommen. Ich sehe darin aber nicht einen bewussten Marketing-Zug des Duos, sondern vielmehr eine natürliche  Naivität der Künstler, welche einen (im Musik-Business oft beschworenen, aber selten erfüllten) Authentizitäts-Charakter der Band an den Tag bringt.

Und natürlich verlangt das Publikum eine Zugabe. Und natürlich setzen M&N nach. Und natürlich verpasst Mono am Schluss ihren Einsatz. Und das wirkt erstaunlicherweise nicht gespielt, sondern macht die Performance so ehrlich und – eben – natürlich.

 

Aber am Ende ist es wieder Musik die nicht wehtut. Musik für den Moment. Für Sich-in-der-Menge-verlieren. Ein Wohlfühl-Protest gegen das System, Nazis, Krieg und für Sommer, Gras und Liebe. Und als man auf dem nächtlichen Nachhauseweg Leute bemerkt, welche sich verdächtig neben den auf der Straße geparkten Autos rumtreiben, ruft man dann doch vorsichtshalber die Polizei.

 

So viel zum Protest.