FAMILY 5 oder „Was passiert mit Punks im Alter?“

von Andrej Schenk

Was bisher geschah

Family 5 war ein Spaßprojekt, welches von Peter Hein und Xao Seffcheque aus dem Fehlfarben-Fahrwasser ans Land getragen wurde. Und vielleicht war es ebendieser Spaß-Charakter der Band, das dem deutschen Musikkritiker-Establishment so schwer machte den Sound der Gruppe zu definieren. Als Begriffe wurden schon „Postpunk“, „Ska-Soul“, und sogar „Tanzkampfkapelle“ gehandelt, bis man sich auf „Soulpunk“ geeinigt hat. Aber Begriffe sind Schall und Rauch. Was zählt ist das Konzert, die legendäre „Resistance“-Platte von 1985, und die Frage „Was passiert eigentlich mit Punks, wenn sie alt werden?“

Alte Hippies sterben nie

 Man sagt ja dass alte Hippies niemals sterben, sondern einfach auf einen anderen Trip gehen. Bei Punks ist es ein bisschen anders. Ein Alt-Punk kann im Verlauf der Jahre vielleicht spießig werden. Er kann Falten und Hämorrhoiden kriegen, in einen Schützenverein eintreten, die CSU wählen oder auch generell lächerlich und anachronistisch wirken - aber seine Stimme verliert er selten. Ein echter, alter Punkrocker kann einen Schrei (fast) genauso lang halten wie vor 25 Jahren. Wenn man Peter Hein dabei zuhört, wie er mit seinen 60 Jahren immer noch kratzbürstig-rau seine Vocals raushaut und jeden Ton trifft, merkt man von welcher Power der Typ beseelt ist. Aber wenn man ihm dabei auch noch zusieht, wird das Ganze zu einem optisch-musikalischen Kaleidoskop. Ich habe Fehlfarben zu ihrer Glanzzeit nie live gesehen, aber wenn man dem 60-Jährigen oben auf der Bühne so zuhört, kann man schon ein Gefühl dafür kriegen, was 1985 vor und auf der Stage abgegangen sein muss. Denn eine Punkband steht und fällt mit dem Frontmann. Und Peter Hein als Frontmann ist ganz großes Kino in Kontrastfarben. 

 

Während seine Stimme immer noch das Bild vom jungen, auf Krawall gebürsteten Peter Hein anno 1985 erweckt, sieht Hein AD 2017 visuell wie das stark gealterte Ergebnis einer Dreierbeziehung zwischen Guildo Horn, Brösel und Rod Stewart aus. Aber man darf sich nicht täuschen: der Mann ist eine erfahrene Bühnensau. Die Akrobatik am Mikro ist vielleicht nicht ganz so ausgefallen wie vor 30 Jahren, aber sie steckt dem Mann im Blut. Genauso wie das Sich-zwischen-Songs-verlabern-und-den-Einsatz-verpassen. Damit steht Family 5 auch im deutlichen Kontrast zu manch anderen Künstlern des Festivals, welche stellenweise das Gefühl erweckten nur das nötigste abzuarbeiten und in Gedanken anscheinend schon zuhause waren. Bei Hein & Co ist es anders - die älteren Herren arbeiten wenn schon nicht direkt „mit“, dann zumindest „für“ ihr Publikum.

Deutsche Sprache – schwere Sprache

Der bläserlastige Sound der Band ist nicht unbedingt bahnbrechend aber man kann sich vorstellen, dass 1985 eine deutsche Band, welche sowohl der Experimentaltristesse des Industrialpunks, als auch dem NDW-Synthiepop ein solches Klangbrett entgegensetzte, durchaus revolutionär war. Leider ist diese Musik nicht unbedingt wie alter Wein und wird mit dem Alter nicht zwangsweise besser. Ska, Soul, Punk – wie man es auch nennt: den Sound gibt es schon lange und in großen Mengen. Auch wenn es ohne Family 5 die Busters (die mir bereits bei den ersten Riffs sofort in den Kopf kamen), La Brass Banda und andere es deutlich schwerer gehabt hätten, weltbewegend ist die Musik nicht mehr. Daher ist es umso erfrischender, wenn die poppigen Bläserbeats auch mal zurückgeschraubt werden und bei englischsprachigen Songs wie Mother Night oder The Backstreet Boys nochmal ein düster-„fehlfarbiger“ Klang produziert wird. Bei englischen Lyrics bekommt Heins Gesang auch eine überraschend dunkle Fülle, die stellenweise an Nick Cave erinnert. Denn seine deutschen Lyrics sind kantig und verfallen in ihrer 30-jährigen Sozialprotestgeschichte zu sehr und zu oft in einen „expressionistischen Nihilismus mit einem Schuss Wolf Biermann-Protestaroma“. (Der Begriff ist schwer zu erklären, aber die letzte Family 5-Platte „Was zählt“ ist voll davon.) Der englische Verfremdungseffekt hingegen, schleift unbewusst die allzu harten Kanten ab und für einen kurzen Augenblick höre ich einen völlig anderen Sound und sehe einen völlig anderen Interpreten vor mir. Einen Weltklasse-Künstler, dessen Lyrics nicht nur eine sprachliche Nischennation, sondern die ganze Welt erreichen. Dessen musikalische UK-Affinität voll ausgelebt wird und dessen Band den Erfolg kriegt, den sie verdient. Und dessen Bühnenpräsenz ohnehin gut und gerne mit einem David Bowie oder einem Joe Cocker mithalten kann. Aber dann sieht man wie der Sänger den Text von einem Tablet abliest und meine Illusion verflüchtigt sich wieder.

Alles Gute muss mal enden. Und zwar rechtzeitig

Nach dem Ende der – deutlich besseren – „Resistance“ gibt’s es noch eine „Castingshow“ der Gastauftritte anderer Künstler, die zusammen mit der Family 5-Truppe Teile deren „Was Zählt“-Platte abarbeiten. Das absolute musikalische Highlight dieses zweiten Teils ist Martina Weith, welche mit Hein zusammen den Track „Stolper nicht“ zum Besten gibt und den Family-Frontmann nicht nur an, sondern quasi durch die Wand singt. Die Stimme der ehemaligen Östro 430-Sängerin schlägt alles, was ich auf dem Lieblingsplatte-Festival gehört habe, um Längen. Aber leider hört man nicht auf dem Höhepunkt auf, sondern es geht noch eine gute halbe Stunde mehr oder weniger gelungen weiter. So überzeugt Tobias Bamborschke von Isolation Berlin durch übersteuertes Mikro mit Dauerrückhall und das Duett zwischen Hein und Frank Spilker von Die Sterne klingt wie Liveband-Karaoke. Und irgendwann findet das Konzert ziemlich genau bei der 120-Minuten-Marke sein Ende.

Zu guter Letzt gibt's auf der Bühne noch eine ernste Diskussion ob man noch Bock hat die letzte Zugabe zu spielen und wer eigentlich im Kollektiv das entscheidet. Die Bandmitglieder geben zum Schluss nochmal alles, aber man sieht, dass sie geschafft sind. Das kann man einerseits absolut verstehen, denn nach zwei Stunden Vollgas halten sich auch jüngere Künstler am Mikro fest. Aber andererseits ist es auch insofern bezeichnend, als dass das Konzert das Schicksal der gesamten Deutschpunk-Bewegung teilt: es geht länger, als es gut für alle wäre.