The National, Palladium Köln, 02.12.2019 ,Sleep Well Kölle‘

Konzertbericht von Thomas Höhner

Bisher fielen meine Reviews meistens positiv aus. Als ich an diesem kalten Dezemberabend in mein Auto steige, bin ich nicht sicher, ob das heute so bleiben wird. Ich kenne zwar die meisten Alben der ursprünglich aus Cincinnati, Ohio stammenden Band. Beeindruckt hat mich aber eher das von den Brüdern Aaron und Bryce Dessner produzierte Projekt, Day of the Dead‘, das eine Hommage nahezu aller aktuellen Stars der Indie- und Alternative-Szene an die Musik der legendären Grateful Dead auf 5 CDs beinhaltet. Ansonsten hat es bisher nur der Song, Fake Empire‘ vom Album ,Boxer‘ (2007) auf meine Auto-Playlist geschafft. Es ist Montagabend nach einem stressigen Tag im Büro. Auf der Fahrt ins Palladium höre ich zur Vorbereitung ihre Show in der Elbphilharmonie Hamburg aus 2017. Der Sound des Mitschnitts ist perfekt. Die Akustik dort muss wirklich gut sein. Aber um den Slang der Casting-Show-Bewertungen zu benutzen: Die Musik, holt mich nicht ab‘, sie wirkt steril und irgendwie synthetisch. Ich frage mich nur, warum das Publikum am Ende jedes Songs so abgeht. Als ich endlich einen Parkplatz finde, bin ich skeptisch, ob mich ihre Musik heute begeistern kann.

Das Palladium ist seit Wochen ausverkauft. Es eröffnet die Kanadierin Hannah Georgas mit zwei Musikern mit recht traurigem und getragenem Synthi-Pop/Rock. Das Publikum applaudiert zwar freundlich, aber die Darbietung hatte einige, Längen‘ für mich. Meine Stimmungslage hat sich nicht gebessert. Ich denke an die bequeme Couch im warmen Wohnzimmer mit einer schönen TV-Serie.

The National betreten gegen kurz vor 21 Uhr die Bühne, wobei das Publikum die Ankunft der Band im Backstage-Bereich und den Gang auf die Bühne auf einer Wandprojektion auf der Rückwand der Bühne mitverfolgen konnte. Sie starten mit ,You had your soul with you‘ vom neuen Album ,I am easy to find’ (2019). Der Sound gefällt mir anfangs nicht. Die Gitarre von Bryce Dessner, der einige Meter vor mir auf der rechten Bühnenseite steht, ist zu leise. Sänger Matt Berninger erinnert mich mit seiner großgerahmten Brille an meinen alten Deutschlehrer. Sie brauchen die ersten drei Songs, um den Sound abzustimmen. Dann kommt ,Bloodbuzz Ohio‘ vom Album ,High Violet‘ (2010). Die Bühne ist ganz in rot gefärbt. Bryce Dessner, der hinter einem Aufbau technischer Geräte auf der Bühne steht, wobei das oberste aussieht wie eine Autobatterie, zaubert wundersame Klänge aus seiner Gitarre. Die Riffs erinnern mich teilweise an den jungen ,The Edge‘, die ziselierten Gitarrenläufe wecken Erinnerungen an den glorreichen Jerry Garcia. Das Alles wirkt nicht steril, sondern plötzlich sehr authentisch. Was passiert hier? Alle Stücke erhalten plötzlich eine Tiefe und Bedeutung, wobei ich den Wandel in meiner Wahrnehmung nicht richtig erklären kann. Es ist das perfekte Zusammenspiel von teilweise zehn Musikern (inklusive der beiden Sängerinnen), getrieben von zwei Schlagzeugern und gezielten Bläsereinsätzen, die den Songs einen besonderen Ausdruck verleihen. Und dann der Sänger Matt Berninger, der sich alle Mühe gibt, den Rockstar zu geben. Er ist ständig und immer Konversation betreibend in Richtung Publikum unterwegs mit einem verkabelten Mikrophon. Die Wege, die er hierbei nahezu in alle Ecken der Halle zurücklegt, sind beeindruckend. Die Roadies der Band sind fast durchgängig mit dem Auswerfen und Einholen des Kabels beschäftigt. Berninger hat auch Spaß dabei, das Publikum mit gefüllten Getränkebechern zu bewerfen. Trotzdem oder gerade deswegen lieben sie ihn. Wenn er zunächst den Mikrofonständer samt Mikro aus einer Laune heraus auf den Boden schleudert und sich dann beim Roadie entschuldigt, der ihn wieder aufrichten muss, dann glaube ich zu erkennen, dass er wohl doch nicht der Macho-Rockstar ist, den er manchmal spielt. Das Alles wirkt eher selbstironisch und sympathisch. Meine Stimmung hat sich innerhalb von wenigen Minuten von leicht genervt auf begeistert geändert. Und es liegt an der Musik, die jetzt perfekt mit der Lichttechnik abgestimmt die starken Songs transportiert. Es fällt schwer, aus der Setlist Songs besonders hervorzuheben, vielleicht das verträumte ,I need my Girl‘ vom Album ,Trouble will find me‘ (2013), bei dem Hannah Georgas den weiblichen Gesangspart übernimmt,oder die schönen Versionen von ;Dark Side of the Gym‘ und ,Carin at the Liquor Store‘, beide vom Album ,Sleep well beast‘ (2017).

Auch ,The System only dreams in total Darkness‘ vom gleichen Album mit einem schönen Gitarrensolo von Aaron Dessner ist vielleicht noch zu erwähnen. Die Zeit vergeht plötzlich rasend schnell. Als die Band nach Fake Empire frenetisch vom Publikum gefeiert von der Bühne geht, bin ich euphorisiert. Die Macht und die Tiefe der Songs haben mich mitgerissen. Wenn dann ganz zum Schluss die gesamte Gemeinde -nur dirigiert von Matt Berninger und der restlichen Band- alleine das Stück ,Vanderlyle Crybaby Geeks‘ (von High Violet, 2010) singt, dann wird das Ganze schon fast zum spirituellen Erlebnis. Ich bin jedenfalls bekehrt!

 

 

Thomas Höhner