Tote Präsidenten, katholischer Aktionismus

und die Desynchronisation der Zeit

 

von Andrej Schenk

 

Zwischen der Tram-Haltestelle Fichtenstraße und dem ZAKK begegnen mir zwei junge Mädchen. Sie hören TOKIO HOTEL über Earpods, singen mit und kichern. Vielleicht tun sie es nur ironisch, wie es sich für Hipster gehört, vielleicht  verspüren sie auch gerade eine gewisse Kindheitsnostalgie und vielleicht ist da ein tieferer Sinn dahinter. Wer weiß es schon.

 

Wir schreiben jedenfalls das Jahr des Herrn 2019 und die DEAD KENNEDYS (ohne Jello Biafra) spielen zum ersten Mal im ZAKK als Teil einer Tour durch West- und Osteuropa. Vor ungefähr 30-35 Jahren hätten diese Worten wahrscheinlich zu einem Anstieg der Leberzirrhosefälle, sowie glücklich gestorbener Menschen geführt und die örtlichen Punks hätten ihren rechten Hoden/ihre linke Titte für eine Karte zum Konzert hingelegt. Heute ist es auch gut besucht. Von Jungs und Mädchen und Damen und Herren in mehr oder weniger stabilen Lebensverhältnissen, mehr oder weniger festen Jobs, mehr oder weniger  guten Autos und mehr oder weniger schwarzen Klamotten. Und irgendwie sieht das Publikum nicht nach Saufexzessen, Anarchie und Rebellion, sondern nach Nostalgie, Arbeitsroutine, Bausparvertrag, Kindern und Kegeln aus. Ob das die besten Voraussetzungen sind, um eine der Bands zu sehen, wegen denen man sich als pickeliger Teen gedacht hat im falschen Jahrzehnt geboren zu sein, wird sich zeigen. Das ZAKK ist jedenfalls ausverkauft und vorm Eingang huschen noch einige Verzweifelte in der Hoffnung jemandem noch Karten abzukaufen. 

 

Das Konzert fängt äußerst gut an und das erste Highlight des Abends kriegt man bereits vor dem Main Act präsentiert: die junge schottische Vorband CATHOLIC ACTION ist nämlich schlicht awesome. Actionlastiger Bass, catchy Gitarren-Riffs und eingängige Hooks; dazu top abgestimmter Gesangsduett und wunderschöne – wenn auch viel zu rare - Solos. Auf der Suche nach akzeptablen Vergleichen kramt man in allen möglichen Schubladen von The Kinks, bis Cosmo Jarvis, als es einem plötzlich einfällt: es ist ja Glamrock erster Güte, im Stil von Thin Lizzy und The Sweet. Bei einer DK-Vorband hat man alles Mögliche erwartet - nur nicht das. Aber es ist immer wieder erfrischend überrascht zu werden - vor allem von einer Musikrichtung, die man seit 20 Jahren totgeglaubt hat. Und es macht immer wieder Spaß Musikern zuzuhören, die mit einer offensichtlichen Leidenschaft an ihre Sache rangehen.

 

Aber nun geht es mit dem Hauptprogramm weiter und der krasse Kontrast zu den Aufheizern von CATHOLIC ACTION fällt nicht sofort zugunsten der alten Punk-Großmeister aus Kalifornien aus. Dieser Kontrast spiegelt sich sogar stellenweise auf der Bühne wieder, wo die betont jugendlich-kraftvollen Action-Einlagen am Mic des Sängers Ron Greer (die, laut den mitgehörten Unterhaltungen der anwesenden Damenschaft, lediglich seinen Altherrenarsch ungünstig hervorheben) im deutlichen Gegensatz zu der distanziert-kühlen Musikerprofessionalität des Lead-Girarristen East Bay Ray und des Bassisten Klaus Flouride stehen. Die beiden betagten Gründungsmitglieder spielen ihre (zugegebenermaßen, nicht sonderlich komplexen) Parts straight und sicher, aber ohne die augenzwinkernde Power, die den Sound der Kennedys ausgemacht hat. Man sollte vielleicht auch nicht so viel von Typen erwarten, die weit über 50 sind und als Musiker weit über der Simplizität des 4-Chords-Gedresche des Oldschool-Punks stehen. Die Stimmung im Saal ist daher anfangs auch entsprechend: es ist „okay“, vielleicht sogar „gut“ – aber eben nicht „DK-gut“. Nicht einmal bei „Kill the poor“ lassen sich die gemütlich angetrunkenen Düsseldorfer Altpunks und deren Nachfahren auf einen nennenswerten Moshpit ein. Ein paar Individualisten, die tapfer sich bemühen die Punk-Flagge hoch zu halten, versuchen bei „Too drunk to fuck“ oberkörperfrei crowdzusurfen aber kommen nicht weit. Vielleicht ist der Grund in der mangelnden Reibung eines verschwitzten Torsos zu suchen, vielleicht in der Unlust er potenziellen Träger. Wer weiß es schon. 

Aber der DK-typische Sinn für Humor ist geblieben und Ron Greer macht seine Sache gut. Bewusst provoziert der aktuelle Sänger der selbsterklärten "band of honesty, peace and  compassion“ die Deutsch-Amerikanische Sonderfreundschaft, lacht die USA, die BRD und das Publikum selbst aus und wenn es die Menge auch nicht grade zum kochen bringt, so erklärt er den Grund dafür auch selbst am besten: „(…)satire is a French word. Cause there is no German word for humour“ Auch wenn Frauen (die, ehrlich gesagt, selbst ihren Zenit lang überschritten haben) sein Gesäß bemängeln, hat die Stimme Greers nicht nur genug Power um den Mittelpunkt jeden Songs zu bilden, sondern auch um diesen speziellen frech-rotzigen DK-Vocalstyle zu implementieren, der einem kurzweilig in das Jahr 1978 versetzt, als Urlaub in Kambodscha mehr bedeutete, als der jährliche Selbstfindungstrip inklusive Travelblog und inspirierender Zitate.

 

Nach ca. einer Stunde ist der Auftritt vorbei. Zum Schluss und bei den Zugaben heizt sich das Publikum weit genug auf, um auf den Level eines ordentlichen Punk-Konzerts zu kommen. Bei „Holiday in Cambodia“ und einer starken Version von „Viva Las Vegas“ baut die Crowd genug Momentum auf um sich selbst zur Action zu animieren und endlich fliegen auch Menschen durch die Gegend. Aber es ist seltsam. Irgendwie wirkt alles – die Musik, das Pogen, die gebrüllten Vocals und die gesamte Atmosphäre – komisch, als wäre man mit der Zeit desynchronisiert. Wie bei einem Film, bei dem die Tonspur eine halbe Sekunde dem Bild hinterherhinkt. Vielleicht ist es zu spät. Vielleicht ist der Punk zwar noch nicht tot, aber an einem Punkt angekommen, an dem man anfangen sollte sich Gedanken über Sterbehilfe zu machen. Vielleicht bietet sich hier ein Vergleich mit der SPD an. Wer weiß es schon.

 

Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass ich einen Teil meiner To-Do-Liste erfüllt habe: ich habe einige der besten Punksongs aller Zeiten live gehört und den Vibe in der Brust trommeln gespürt. Und es war gut. Vielleicht kann man sich damit durchaus zufrieden geben.

 

 

 

Dead Kennedys

Catholic Action