Gypsies were passing through your little town

Gogol Bordello in der KuFa Krefeld

Ein absolut unobjektives Review

von Andrej Schenk

Das musikalische Kulturamalgam, welches sich vor zwanzig Jahren in New York (wo sonst!) um den Sänger Eugene Hütz zusammengefunden hat, eine eigene Musikschublade namens Gypsy Punk zusammenzimmerte, und vor zwei Jahren ihr zehntes Album „Seekers and Finders“ veröffentlichte ist derzeit auf Welttournee. Anscheinend liegt die Welthauptstadt Krefeld dabei ebenfalls auf der Karte und so bietet die Krefelder Kulturfabrik an einem Mittwochabend die Bühne für eine der besten Live-Bands der heutigen Zeit

 

Ein (ungefragtes) CD-Review

Vorab, die neue Platte von Gogol Bordello ist meiner Meinung nach kein Meisterwerk. Heißt jetzt nicht dass es schlecht ist, im Gegenteil: „Seekers and Finders“ ist ein solides, gut produziertes Stück Bandgeschichte, das mit einigen Reißern wie „Saboteur Blues“ und „Walking On The Burning Coal“, sowie dem großartigen Titelstück des Albums, welches das fantastische Duett von Hütz und Regina Spektor beinhaltet, punkten kann. Aber dem Gesamtwerk fehlt die unbändige Power von „Gypsy Punks: Underdog World Strike“ und die anarchische Vielseitigkeit von „Super Taranta“. Na ja, die Zeit vergeht, wir werden alle älter und vielleicht kann man die Aufgabe der grenzüberschreitenden Kraft des Immigrantenpunks zugunsten der lyrischen Suche Hütz’s nach einer höheren, spirituellen Bewusstseinsebene, die das Album wie ein roter Faden durchzieht, darauf schieben. Oder auf die Drogen – immerhin sieht Hütz mittlerweile wie eine schnurrbärtige Version von Iggy Pop aus. Jedenfalls ist es umso erfreulicher, dass das Live-Programm von Gogol Bordello sich nicht auf die neue Platte konzentriert, sondern das Publikum auf eine Tour de Force durch die gesamte Bandgeschichte mitnimmt. 

Putting things into context – oder warum Objektivität überschätzt wird

Als ich Gogol Bordello vor etwa 10 Jahren für mich entdeckte, war es so was wie eine musikalische Offenbarung: noch nie hab ich einen solch energiegeladenen, wilden, instrumental vielseitigen und lyrisch erstaunlich tiefen und zugleich humorvollen Mix aus Balkan-Folk, ukrainischen Gesangsmelodien und guten, alten amerikanischen Postpunk mit Dub-Einflüssen gehört. Die darauf folgende Erfahrung der ungebändigten Live-Power der Gruppe – und vor allem des Frontmannes Eugene Hütz – war schließlich wie ein finaler Schlussakkord, der Gogol Bordello zu einem meiner all time favourites machte.

Und da liegt schon das Problem für ein unvoreingenommenes Konzertreview: mal abgesehen von der Tatsache, dass ich so weit von der Objektivität entfernt bin wie die AfD von den Grundlagen des menschlichen Anstands – wie beschreibt man einen Live-Act, der fast schon weniger einem Konzert, als einem borderline-spirituellem Erlebnis ähnelt. Wie beschreibt man einen Impuls, der dich mit den ersten Bühnenakkorden von „Ultimate“ mitten in den stets wachsenden Moshpit vor der Stage befördert und dich erst anderthalb Stunden völlig entkräftet aber mit einer Überdosis Endorphinen wieder an die frische Luft lässt, während die letzten Chords von „Undestructable“ dir noch in den Ohren klingen? Wie beschreibt man ein Erlebnis, welches dich Kraft und Ohnmacht zugleich durch alle deine Poren triefen lässt? Ein Gefühl, dass dich deine Arbeit, deine Funktion und deine Notizen vergessen lässt und dich wie eine Woge durch Raum und Zeit trägt, an dessen Ende du dich als einen veränderten Menschen wiederfindest.

Ein Erlebnis, bei dem man seine Alltagssorgen ad acta legt, mit Leichtigkeit neue Freundschaften schließt und am Ende unbekümmerten Herzens einen nächtlichen Vier-Stunden-Marsch nach Hause hinlegt, während man die städtische Nachtruhe durch seine hochprofessionelle und zweifelsfrei talentierte Wiedergabe der Lieblingssongs zerreißt wie ein Seemann auf Landgang. Ein Erlebnis, bei dem wildfremde Typen einem versichern, dass es die beste Live-Band war, die sie je gesehen haben – und das obwohl sie nichts von der Band zuvor gehört haben. Bei dem ein paar Typen aus Kirgistan das ukrainische Dreizack-Wappen auf dem T-Shirt des Sängers feiern, welches für den Unabhängigkeitskampf des Geburtslandes von Eugene Hütz steht. Ein Erlebnis, bei dem der Moshpit of Love keine Ausnahme, sondern die Regel ist.

 

(Und „Unprofessionalität“ lasse ich nicht gelten, denn es ist kein Gefühl, sondern nur mein zeitlich beschränkter Zustand)

 

This is not a Wohlfühl-Trip

 

Es ist jedoch kein reines Happy-Hippie-Wohlgefühl, den die Band mit ihrer Musik und Hützschen Lyrics produziert. Vielmehr ist es eine Kampfansage gegen alle Chancenlosigkeit und Hürden zu bestehen. Der trotzende, lachende Schrei im Angesicht des unausweichlichen Todes und der korporativ-industriellen Assimilation. Eine kleine Tanzeinlage auf dem Galgenblock – performt von denen, die Tyler Durden mal als „singing, dancing scum of the earth“ bezeichnete. Und in einer Zeit, in der die Musikkultur von Depressivität à la 41 Pilots, pseudo-provokanten, zahnlosen Statements von Taylor Swift, Katy Perry & Co, nichtssagenden Neoschlagern nach der Max-Giesinger-Formel und Mumble-Rap, bei dem 2Pac so schnell im Grab rotiert, dass er eine Kleinstadt beleuchten könnte, geprägt ist, wirkt Gogol Bordellos echtes, authentisches Kulturprodukt im besten Sinne des Wortes tatsächlich noch echt punk.

 

So lässt das Midway-Highlight „Immigraniada“ meine Schwielen vom Mitklatschen aufplatzten und meine Hände bluten. „Illumination“kreiert einen Crowd-Chorus, der Gänsehaut produziert, die sich faustgroß anfühlt. Und das ruhige „When universes collide“ ist der Höhepunkt von Eugene Hütz als Sänger. Die ruhige Melodie und seine getriebene, raue Stimme, welche sich bei dem Stück stark an ukrainisch-folkloristischen Gesängen orientiert, lässt die Tragik und die Ohnmacht der Thematik der ethnischen Säuberungen nicht nur unter die Haut, sondern mitten ins Knochenmark vordringen. 

 

Did you get your money’s worth?

 

Wenn man nun alle Unobjektivität versucht beiseitezuschieben und tatsächlich kritisch herangeht, bleibt für einen (semi)professionellen Berufskritiker, Journalisten und Mutter wie mich immer eine zentrale Frage: War es das Geld wert? Und bei Gogol Bordello fällt die Antwort eindeutig aus: Absolut! Es klingt wie ein Drogenrausch – und irgendwo ist es auch einer. Die Droge heißt Live-Musik und Gogol Bordello ist der einzige Dealer, der den Stoff in einer solchen reinen, ungestreckten und perfektionierten Form liefert, dass die etwaige Konkurrenz komplett ausgebootet wird. Gogol Bordello sind der Walter White der Live-Performance. 

Fotogalerie Gogol Bordello

Fotogalerie Skinny Lister

Fotos von Andreas Klüppelberg.